Donnerstag, 16. September 2010

Das seltsame Verschwinden der Buslinien 603, 604, 609, 638, 639, 695 & N17

Anwohner der nördlichen Friedrich-Ebert-Straße kennen das Schauspiel: Bauarbeiter reißen das Pflaster zwischen den Gleisen der Straßenbahn auf und reparieren wahlweise geplatzte Wasserrohre oder die Einfassung der Gleise selbst. Im Idealfall wird die Tram dabei nur durch eine sensorgesteuerte Schranke behindert, die den Baustellenbereich absichert und zu einem kurzen Halt zwingt. Es ist eine unschöne Eigenschaft des Idealfalls, selten einzutreten.

Die Sensorschranke ist zurück!

Vor allem Wasserrohrbrüche bringen (beinahe regelmäßig) den Tram-Verkehr durch die Innenstadt und nach Potsdam-Nord zum Erliegen. Seltsamerweise blieben die Buslinien auf der Friedrich-Ebert-Str. davon immer relativ unbehelligt. Irgendwie fand sich stets noch ein Weg an der Baustelle vorbei. 

Seit dem 13. September ist es damit vorbei. An diesem Tag öffnete sich erneut das Gleisbett und kehrten die Sensor-Schranken in den Nahverkehrsalltag zurück. Die, wie üblich unscheinbaren und leicht zu übersehenden, Aushänge an den Haltestellen kündigten das Schauspiel bereits einige Tage zuvor an - jedenfalls für jene Fahrgäste, die die Benutzung von Bus & Bahn stets hochkonzentriert durchführen.

Wer es sich erlaubte, bei der ÖPNV-Nutzung auch noch an andere Sachen zu denken, der konnte am 13. Zeuge von etwas seltsamen werden: Die Busse waren weg!

Über Nacht verschwanden die Fahrpläne von den Haltestellen und die dazugehörigen Busse aus der Friedrich-Ebert-Straße. Geblieben sind die chronisch überfüllten Tram-Linien 92 & 96. Sieben Buslinien leitet die ViP seitdem großräumig um. Das Stadthaus, das Kneipenviertel am Nauener Tor und die Einkaufsmeile auf der Brandenburger Strasse sind seitdem fast völlig auf die verstopften Straßenbahnen angewiesen, die quasi den Bus-Ersatz mit erbringen müssen.

Die Schatzkarte

Sie finden ihren Bus - woanders. 

Diese Karte zeigt dem Fahrgast, wo er seine Buslinie wiederfinden kann. Aber sie dokumentiert auch sehr anschaulich die Fahrgastfeindlichkeit der Umleitungsregelung. Anstatt die Umleitungsstrecke so kurz wie möglich zu gestalten und noch möglichst viele der regulären Haltestellen zu erreichen, werden die Busse Richtung Hauptbahnhof via Jägerallee, Hegelallee, Luisenplatz und Charlottenstr. geleitet. 

Für Fahrgäste zum Potsdamer Hauptbahnhof (von morgens 5 Uhr bis abends 18 Uhr ist das die Hauptlastrichtung), wird es hier problematisch: Die Busse müssen sich ihre Umleitungsstrecke mit der des Individualverkehrs teilen. In der Jägerallee ist deshalb Stau vorprogrammiert, was (zusamen mit der Länge der Umleitung) teils zu erheblichen Fahrzeitverlängerungen führt. Logisch, dass dann der Anschluss zum Regionalverkehr am Hauptbahnhof verpasst wird. Weitere Fahrzeitverlängerungen sind die Folge. 

Die ViP sieht sich ihren Fahrgästen gegenüber nur dazu verpflichtet, auf den Aushängen auf die evtl. Möglichkeit von Anschlussverlusten hinzuweisen. 

Darüberhinaus können die Busse ihre Entlastungsfunktion für die Straßenbahn nicht mehr erfüllen. Und hier wird es dann besonders bitter, denn die Tram ist dem Fahrgastaufkommen zwischen Potsdam-Nord, der nördlichen Innenstadt und dem Hauptbahnhof schon seit Jahren nicht mehr gewachsen. Ein unzureichender 10-Minuten-Takt(!) und ein fragwürdiger Fahrzeugeinsatz, sorgen ständig für 120%ige Auslastung und machen den ÖPNV auf Dauer unattraktiv. 

Der Bus in der Ecke

Ich bin der Bus zum Weltkulturerbe!

Wer mit dem Potsdamer Nahverkehr zum Neuen Garten oder zum Schloss Cecilienhof fahren wollte, hatte es noch nie wirklich leicht: Die Potsdamer Verkehrsbetriebe versteckten den Zubringer zum Weltkulturerbe immer hinter dem Zielschild "Höhenstr.". 
Ein Hinweis darauf, dass "dort hinten" auch das Schloss und sein Park zu finden sind, fehlte. 

Zudem wurde die "Höhenstr." durch die Linie 692 bedient, die einem U-Boot gleich durchs Potsdamer Stadtgebiet irrte und keinen wirklichen Fahrgastnutzen erbringen konnte. An eine umstiegsfreie Durchbindung zum Hauptbahnhof war sowieso nicht zu denken, denn der Direktbus Schloss - Hbf steht bei der ViP offenbar nur dem großen Bruder in Sanssouci zu. 

Mit dem letzten großen Fahrplanwechsel hatte all das ein Ende: Nein, die ViP stellte die Bedienung der "Höhenstr." nicht ein. Sie stellte sie nur um, was im Endeffekt aufs Gleiche herauskam:  Aus der Linie 692 wurden zwei Linien. Einmal die 692, die (wie bisher) zum Institut für Agrartechnik fuhr und neuerdings am Platz der Einheit begann. 

Für die Fahrt zum Weltkulturerbe war nun die Stummellinie 603 zuständig, die zwischen "Höhenstr." und Platz der Einheit pendelte. Das tat sie aber auch nur noch werktags und nur während der Hauptverkehrszeit. Ansonsten drehte ein Bus einsam seine Kreise zwischen der "Höhenstr." und der Haltestelle Reiterweg/Alleestr. Wer in die Innenstadt oder gar zum Hauptbahnhof wollte, musste dort in die Tram oder andere Buslinien umsteigen. 

Eine Form der Nahverkehrs-Arithmetik, die sich auch nur noch Eingeweihten und Personen mit erweitertem Fahrgastabitur erschließt. 


Bus 603 - Das Phantom auf einer größeren Karte anzeigen

Zwar hat man den Fahrplan der Linie 603 Ende August außerplanmäßig "angepasst" und lässt die Linie nun häufiger in Kontakt mit der Innenstadt kommen. Im Kern bleibt sie aber weiterhin eine Phantomlinie, die an ihren Fahrgästen vorbei fährt - so diese überhaupt eine Chance bekommen, den Bus zu finden. 

Denn seit der Einführung des Baufahrplans dreht die Linie 603 abenteuerliche Touren durch die Nauener Vorstadt. Sofern er nicht auch wie alle anderen durch die halbe Innenstadt zum Platz der Einheit fährt, wartet der Bus an einer kleinen Ersatzhaltestelle in der Behlertstr. (Foto) auf seine Fahrgäste. Diese Haltestelle auf Anhieb zu entdecken, dürfte wohl nur Anwohnern vorbehalten zu sein. 

Angst vor der einfachen Lösung

Das Ärgerliche an dieser ganzen Miesere liegt nicht in der Baustelle an sich, die, und das unterstellen wir hier jetzt, ihre Notwendigkeit hat. Ärgerlich ist dieser Baufahrplan, weil er nahe liegende und realisierbare Lösungen ignoriert. Statt die Busse durch die Innenstadt gondeln zu lassen, wäre eine Umleitung durch die Helene-Lange-Str. denkbar gewesen. 

Da sich die avisierte Baudauer mit 10 Tagen bequem überschauen lässt, wäre auch eine Führung der Buslinien durch diese Straße den (wenigen) Anwohnern zumutbar gewesen, trotz der Vibrationen, die die schweren Busse auf dieser Buckelpiste verursachen. Der Individualverkehr braust jedenfalls ungestört durch die "Helene-Lange". Und mit ihr übrigens auch der Bus der Linie 603. Es geht also. 

Noch sinnvoller wäre es natürlich gewesen, die Baustelle so einzurichten, dass auch weiterhin Bus und Tram daran vorbei fahren können.

Doch durch die Bauarbeiten und die Umleitung keine oder nur eine einzige Haltestelle (Reiterweg/Alleestr.) zu verlieren, muss den Verkehrsplanern der ViP so unheimlich fahrgastfreundlich vorgekommen sein, das sie ihre Busse jetzt lieber weiträumig um den Kunden herum fahren lassen. 

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