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Donnerstag, 23. Dezember 2010

"Stagnation" - Der VBB-Netzzustandsbericht 2010

"Der tägliche Fahrgastzeitverlust (das ist die Zeit, die die Fahrgäste pro Tag durch die Geschwindigkeitsbeschränkungen auf den Strecken verlieren) ist von 4.000 Stunden im Vorjahr auf fast 4.800 Stunden pro Tag angestiegen. Diese Entwicklung zeigt, dass neue Langsamfahrstellen zunehmend auf stark nachgefragten Strecken liegen (Beispiel Grunewald). Hier ist die DB auch aus volkswirtschaftlicher Sicht gefordert, schnelle Abhilfe zu schaffen."
So resümiert der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg in seinem neuesten Bericht zum Zustand des Schienennetzes in der Region Berlin-Brandenburg: Zwar sind sich auf einigen Strecken, so auf der Nordbahn und der Stettiner Bahn, Verbesserungen zu verzeichnen. Doch diesen Verbesserungen stehen teils gravierende Verschlechterungen an anderen Stellen des Netzes gegenüber, bspw. auf der Strecke durch den Grunewald (RE1 & RE7). Auf diesem Streckenabschnitt ist dabei aber auch kein wirklicher Baufortschritt zu verzeichnen, so der VBB.

"In diesem Jahr wurden im gesamten Untersuchungsnetz 692 Geschwindigkeitseinbrüche mit einer Gesamtlänge von 605,6 km festgestellt. Insgesamt sind somit 13,5% des Netzes nicht mit der eigentlichen Streckengeschwindigkeit befahrbar. Die hieraus errechneten Fahrzeitverluste summieren sich auf 3 Stunden und 51 Minuten, was einem Anteil von 5,9% der Fahrzeit entspricht. Während in den Vorjahren in der Summe aller Strecken Verbesserungen im Jahresvergleich von mehr als 35 Minuten (2008) bzw. 5 Minuten (2009) festgestellt wurde, zeigt die diesjährige Differenz eine Verschlechterung des Netzzustands von knapp 5 Minuten.
Somit ist in den letzten zwei Jahren eine Stagnation des Netzzustands eingetreten."
Die Kurzfassung des VBB-Netzzustandsberichts steht hier zum herunterladen zur Verfügung.

Freitag, 17. Dezember 2010

Des NVBs neue Flügel

Update 1 - 21.12.: Die IHK Potsdam hat auf ihrer Homepage nun endlich das gesamte Konzept veröffentlicht. Es ist in der Tat sehr interessant, vor allem wegen der umfangreichen Berechnungen zu Fahrplänen, die das Büro Doege angestellt hat. Theoretisch scheint das wirklich keine schlechte Konzeption zu sein.
Doch wir bleiben bei unserer Skepsis, was die Realiserbarkeit angeht, und verweisen dafür auf die umfangreichen Probleme die es zuletzt bei der Indienststellung neuer Züge gegeben hat, Stichwort: Zuverlässigkeit der Industrie.  Auch fragen wir uns, in welchem Zeitraum das noch realisiert werden soll? Am Grundproblem ändert sich ebenfalls nichts: Die DB Netz schaltet und waltet, wie sie will. (PF)
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Mit etwas Verwunderung lasen wir, in der Ausgabe der Potsdamer Neuesten Nachrichten vom 17. Dezember, einen Artikel zu einem neuen Verkehrskonzept im Regionalverkehr rund um Potsdam. Die PNN berichtet darin über ein "innovatives Verkehrskonzept" der IHK Potsdam und des Standortmanagements der WiSta Golm.

Dichter Takt dank S-Bahn und Regio - davon träumt man auf dem Campus am anderen Ende der Stadt

Ausgangslage ist die Klage der Wissenschaftsstadt Golm, die sich bisher nicht in ausreichendem Maß durch Regionalzüge an Berlin angebunden sieht, und das nicht ganz zu Unrecht: Von einer morgendlichen direkten Regionalbahn zwischen Berlin Zoo und Golm abgesehen, erreicht man den ­Uni Campus aktuell lediglich durch Umsteigen in Potsdam Hauptbahnhof; wahlweise vom Regionalexpress RE1 zur Regionalbahn RB21, oder zum Bus der ViP. Unbefriedigend.

Dabei pendeln zwei Drittel der Studis und der Uni-Mitarbeiter zwischen Potsdam und Berlin, so die Uni Potsdam. Jetzt könnte man natürlich grundsätzlich die Frage stellen, warum eigentlich soviel Studierende und Uni-Mitarbeiter in Berlin und nicht in Potsdam wohnen? Als Antwort reicht der ­Verweiß auf die desaströse Potsdamer Stadtentwicklungspolitik der letzten Jahrzehnte, Stichwort: Wohnungsmarkt.

Zusätzlich zur direkten Berlinanbindung, wünscht man sich am Campus wohl auch einen schnellen Zug zum Flughafen Schönefeld, schließlich ist man ein akademischer Standort von internationalem Renommee.

Auf der Suche nach einem Fachmann zur Lösung dieses Problems wurde man bei dem Hamburger Nahverkehrsberater Dieter Doege fündig, der sich in Potsdam als geistiger Vater vom "Takt 2000" eine gewisse "Prominenz" erarbeitet hat. Doeges offenbar hartleibige Standpunkte in der ­Combinokrise, mündeten in einen Dauerkonflikt mit den Potsdamer Verkehrsbetrieben und deren (ebenfalls nicht unumstrittenen) Geschäftsführern. Dieser Konflikt beschäftigte bereits die Gerichte und natürlich die Presse.

Dem Potsdamer Fenster wurde zudem bereits mehrfach und von unterschiedlichen Stellen kolportiert, dass ein (im Auftrag der Potsdamer CDU-Stadtverordnetenfraktion erstelltes) Gutachten Doeges zur Siemens Tram "Combino" in Fachkreisen schon mal als "Reisebericht" abgewatscht worden sein soll. Konnten wir das bisher kaum glauben, so scheint uns dies angesichts des Konzepts, welches Doege für die IHK Potsdam und die WiSta Golm erarbeitet hat, tatsächlich vorstellbar. Da wir das Combino-Gutachten nur vom Hörensagen kennen, enthalten wir uns an dieser Stelle jedoch einer endgültigen Festlegung.
Das Doege etwas erarbeitete, wurde schon seit einigen Wochen augenscheinlich, fragte er doch in einschlägigen virtuellen Eisenbahn-Fanforen nach den baulichen Gegebenheiten der Schieneninfrastruktur rund um Potsdam. Mit dem nun vorgelegten Konzept scheint seine Arbeit abgeschlossen zu sein.

Seine Arbeit: Im Kern und wenn man den Grafiken auf der IHK-Homepage und der Berichterstattung durch die PNN Glauben schenken darf, basiert Doeges Konzept auf dem Einsatz von flügelbaren Zügen im Regionalverkehr rund um die Landeshauptstadt. So sollen sich offenbar XXL-Versionen von Doppelstock-Regionalexpress-Zügen, aus Berlin kommend, in Potsdam Hauptbahnhof in zwei einzelne Züge splitten ("flügeln") und dann als ­Regionalbahn nach Golm, sowie als Regionalexpress nach Brandenburg/Magdeburg fahren. In der Gegenrichtung treffen sich die Züge dann wieder in Potsdam und fahren als ein Zug weiter Richtung Berlin.

Es ist noch Platz in Potsdam Hbf: Herbstvormittag mit RB22 & Güterzug

Eine weitere Idee des IHK-Doege-Konzepts, ist die Einführung einer "Ring-Bahn", bei der ein Zug in Berlin Hbf. endet und beginnt, aber als Ringkurs über Spandau, Marquard, Golm, Potsdam Hbf. und die Stadtbahn fährt bzw. in der Gegenrichtung analog. Also offenbar eine Art RE41 & RE42, um die Linienbezeichnung der Berliner S-Bahn zu zitieren.

Dritter Vorschlag im IHK-Doege-Konzept, um dem Wunsch der Uni nach einem Flughafen-Anschluss gerecht zu werden: Ein Zug verkehrt zwischen "Berlin Schönefeld" (man achte auf die IHK-Grafiken, die den neuen Bahnhof "BBI-Terminal" nicht kennen), Michendorf, Werder/Havel und Golm.

Der Potsdamer IHK-Chef René Kohl merkte bei der Vorstellung des IHK-Doege-Konzepts an, das es "wichtig sei, als Fahrgast im richtigen Flügel zu sitzen." Angesichts dieses Konzepts saßen IHK und Standortmarketing mit Doege offenbar im völlig falschen Boot.

Das "Netz Stadtbahn"

Es ist ja nicht so, als ob sich das Land Brandenburg nicht auch Gedanken machen würde - über die Zukunft des SPNV seiner Landeshauptstadt. Man kann der Brandenburger Verkehrspolitik durchaus Unmengen an Fehlern vorwerfen, beispielsweise die schleichende Zerstörung der Brandenburger Städtebahn oder den Ortsumgehungs-Fetisch. Aber was die Verbindungen zwischen Berlin, Potsdam und dem neuen Flughafen betrifft, begnügt man sich im Potsdamer Ministerium tatsächlich nicht mit kleinteiligen Lösungen.

So wurden erst in diesem Jahr die Verkehrsverträge für das sog. "Netz Stadtbahn" zwischen den Ländern, der DB und der ODEG unterzeichnet. Diese Verkehrsverträge sehen auch für den Uni-Standort Golm erhebliche Verbesserungen des Status quo vor.

So soll zukünftig die RB21 tagsüber im 30-Minuten-Takt zwischen Berlin Friedrichstr. und Golm verkehren. Versetzt zum RE1 entsteht dabei beinahe ein 15-Minuten-Takt zwischen Potsdam Hbf und Berlin Friedrichstr. - mit Regionalzügen. Niemand, der täglich auf der RE1 unterwegs ist, würde den Sinn dieser Lösung bestreiten. Der Vorteil dieser Lösung liegt zudem in einer Entflechtung der Verkehrsströme: Die chronisch überlastete RE1 wird durch die direkten Regionalzüge zum Campus entlastet. So manch Berufspendler wird dies als Befreiung empfinden.

Natürlich wäre es begrüßenswert, würde das Land den 30-Minuten-Takt der RB21 über Golm hinaus bis nach Wustermark verlängern und die nördlichen Potsdamer Ortsteile besser mit SPNV versorgen. Doch diese Verbesserung gegenüber dem heutigen Zustand dürfte den Verantwortlichen im Ministerium wohl als zu luxuriös vorgekommen sein. Mit dem Dauer-Stau soll sich die Landeshauptstadt wohl weiterhin allein abquälen.

Um den Campus Golm schnell an den Flughafen anzubinden, wird die RB22 "gestrafft". Im Klartext wird diese Linie von/nach Potsdam Hbf. über Golm geführt, wendet dort, fährt über den Außenring und nur mit Halt in Saarmund und Genshagener Heide zum neuen Bahnhof "BBI-Terminal". Für die Ortschaften zwischen Michendorf und Potsdam Hbf wird eine neue RB23 eingesetzt.

Die IHK-Doege-Regionalbahn wird zwar dem Wunsch der Umlandgemeinden Michendorf und Werder/Havel nach Flughafenanschluss gerecht, doch sie degradiert, nach Meinung des Potsdamer Fensters, die gesamte Linie damit auch zur Bummelbahn, die an jeder "Milchkanne" halten muss; ein "Milchkannen-Express". Eine schnelle Flughafen-Anbindung des Golmer Campus sieht anders aus. Darüber hinaus hat das Land beiden Gemeinden bereits mehrfach klare Absagen erteilt, was deren Wunsch nach Flughafen-Direktverbindungen anbelangt. Weder sei dafür Geld vorhanden, noch würden das prognostizierte Fahrgastaufkommen solche Verbindungen rechtfertigen, hieß es aus dem Ministerium. Ob das Fahrgastaufkommen nicht doch vorhanden wäre, bliebe abzuwarten. Das Argument der Mittel ist im chronisch klammen Land Brandenburg allerdings nicht von der Hand zu weisen.

Züge mit Flügeln

Doeges Idee der Zugteilung wurde in unserer Region bisher nur einmal praktiziert: Vor einigen Jahren, Berlin Hbf. war noch im Bau, setzte man auf der RE1 Wochenend-Nachtverbindung zwischen Berlin und Sachsen-Anhalt eine Doppeltraktion des Wagentyps BR425 ein. Dieser Zug startete als ein Zug in Berlin Zoo und "flügelte" sich in Berlin Wannsee zu einem Zugteil nach Magdeburg und einem nach Halle/Saale. Diese interessante Lösung wurde jedoch nicht lange beibehalten.

Stadlers Schmuckstück, der "KISS" - hier in der Ausführung für die SBB | (c) Bild: Wikimedia 

Prinzipiell ist gegen Flügel-Züge nichts einzuwenden, sofern man dieses Verfahren den Fahrgästen ausführlich erklärt und in der Kundeninformation stets umfangreich kommuniziert. Die Erfahrungen, auch der aktuellen Winterperiode, zeigen aber, dass die DB mit der Kundeninformation immer noch auf Kriegsfuß steht. Darüber hinaus muss man ausdrücklich Fragen, welches erprobte und funktionierende Wagenmaterial für die IHK-Doege-Lösung eigentlich verwendet werden soll?

Die bisher auf der RE1 & RB21 eingesetzten, Lok-bespannten, Doppelstock-Züge wären für dieses Konzept nicht zu gebrauchen. Und die einzigen Doppelstock-Triebwagen, die am Markt evtl. verfügbar wären, befinden sich derzeit überwiegend noch im Bau: Ob der STADLER-Zug "KISS", den die ODEG zukünftig auf den Linien OX2 (ehm. RE2) & OX4 (ehm. RE4) einsetzen will, zum Fahrplanwechsel im Dezember 2012 in Betrieb gehen kann, so er denn pünktlich fertig wird, darf in leise Zweifel gezogen werden: Sein "kleiner Bruder", der Zugtyp FLIRT, bekam bei Indienststellung desöfteren keine Zulassung durch das Eisenbahnbundesamt (EBA). In einigen designierten FLIRT-Einsatzgebieten sahen sich private Eisenbahnunternehmen beim Fahrplanwechsel 2009/2010 sogar dazu gezwungen, bei der Deutschen Bahn Ersatzzüge zu bestellen, da sie mit ihren FLIRT-Zügen nicht wie geplant den Betrieb aufnehmen konnten. Doeges Züge mit Flügeln, fahren demnach also auf absehbare Zeit nur in "Wolkenkukuksheim".

Übrigens darf man dieselben Zweifel derzeit auch für jenen Fahrzeugtyp anmelden, mit dem die DB zukünftig auf den RB-Linien 21, 22, 23 und der RE7 fahren will: der "Talent 2" macht in unserer Region seit einiger Zeit Schlagzeilen, weil ihm das EBA ebenfalls die Zulassung verweigert.

Von der SPNV-Zukunft zum Problemfall? - Bombardiers "Talent 2" | (c) Bild: Wikimedia/Knut Rosenthal

Das IHK-Doege Konzept ignoriert darüber hinaus scheinbar völlig, dass sich die DB bei der letzten Ausschreibung für das Linienpaket "Los 1" (RE1, RE7 & angrenzende RB-Linien), neben den "Talent 2", auch mit neuen leistungsstarken Lokomotiven und einer Generalüberholung der bisherigen RE160-Doppelstockzüge beworben hatte. Beides soll der RE1 zugutekommen. Man verspricht sich dadurch einen Zugewinn an Sitzplatzkapazität und eine Beschleunigung der Linie. Diese Beschleunigung soll, so war beim Fahrgastbeirat von DB-Regio zu vernehmen, endlich auch den Halt der RE1 in Berlin-Charlottenburg ermöglichen. Dagegen sträubt sich die DB bisher und verweist auf die mangelnde Beschleunigungskraft der derzeit eingesetzten Loks vom Typ BR112/114.

Luftschlösser im Papierhimmel

Papier ist geduldig. Und bei der IHK scheint man viel Geld in die Geduld investiert zu haben - wohl leider umsonst. Es ist ja begrüßenswert, dass die kommunale Wirtschaftslobby allmählich begreift, dass das Auto vielleicht doch nicht das Maß aller Dinge ist, viel zu lange hat es für diese Erkenntnis gebraucht. Und dass man mit ÖPNV und SPNV vielleicht auch die wirtschaftliche Entwicklung fördern könnte. Doch mit dem IHK-Doege-Konzept hat man sich auch gleich ein (vermutlich) teures Stück Altpapier ins Haus geholt, das sich, so hat es den Anschein, nicht mal die Mühe macht, die Fakten und die Weichenstellungen der Politik zur Kenntnis zu nehmen.

Das neue „Netz Stadtbahn“, wie es durch die Länder Berlin und Brandenburg ausgeschrieben und an ODEG und DB vergeben wurde, ist in vielem unbefriedigend. Doch unter dem unsäglichen Dogma des möglichst kostensparenden SPNVs, ist doch etwas einigermaßen Ordentliches herausgekommen. Es überrascht geradezu, dass sich die Länder auf die Takt-Verdichtung der Relation Berlin-Potsdam eingelassen haben, angesichts der parallel verkehrenden S-Bahn. Doch offenbar konnte man, im Ministerium und in der Senatsverwaltung, die Augen nicht mehr vor den Zuständen auf der RE1 verschließen.

Das Doege-Konzept, mit seinen Ringlinien, dem "Milchkannen-Express" und den Flügelzügen scheint hingegen von reich gefüllten Verkehrsetats auszugehen. Da wird auf Basis von höchstvermutlich teurer, erfahrungsgemäß störanfälliger Zugtechnik offenbar ein Fahrplan herbei gerechnet. Da werden rund um Spandau neue Parallelverkehre ersonnen. Scheinbar völlig ignorierend, dass das Land Berlin um jeden Cent feilscht, den es für Regionalzüge ausgeben muss. Die RE6 endet nicht ohne Grund seit Jahren in Spandau bzw. Hennigsdorf. Und da führt man Zugverbindungen über Ortschaften, die durch das bisherige Angebot bereits annehmbar versorgt sind.

Es rollte schon einiges nach Potsdam: S-Bahn-Ersatzzug und RE im Sommer 2009 am Ostbahnhof

Größtes Manko des IHK-Doege-Konzepts ist jedoch sein Timing: Die neuen Verkehrsverträge wurden im September 2010 unterschrieben. Doeges Konzept wird heute, drei Monate später, zur Diskussion gestellt. Mit der Bezeichnung „sinnlos“, ist dieser Vorgang noch freundlich umschrieben. Falls die IHK und das Standortmarketing der WiSta Golm tatsächlich Interesse an einer ernsthaften Diskussion gehabt hätten, wären sie schon vor mindestens einem Jahr mit diesem, in Teilen wohl nicht mal schlechten, Konzept herausgekommen. Inzwischen hat man seitens der Länder und der EVU aber bereits Tatsachen geschaffen.

Risiko DB Netz

Die IHK Potsdam, als Auftraggeberin des Doege-Konzepts, sieht einen Vorteil darin, dass sich Doeges Pläne unter „Rückgriff auf die bestehende Infrastruktur“ realisieren lassen würden, also kein Neu-, Um- oder Ausbau der Strecken dafür notwendig wäre. Nun ja, das mag so sein. Allerdings hat bekanntlich DB Netz das letzte Wort, wenn es darum geht, Züge auf ihren Gleisen fahren zu lassen. Und diese DB Netz ließ beim letzten Fahrgastbeirat  von DB Regio Nord aufhorchen: Angesprochen darauf, wann man denn damit beginnt, den Regionalbahnhof Griebnitzsee für den 30-Minuten-Takt der RB21 herzurichten, entgegnete der Vertreter der DB Netz sinngemäß: „Dass noch überhaupt nicht entschieden sei, ob ab Fahrplanwechsel 2011/12 eine Regionalbahn im 30-Minuten-Takt auf die Stadtbahn fahren könne. Schließlich saniert man seit Herbst dieses Jahres und noch bis etwa 2016 die Eisenbahnbrücken im Grunewald. Und ob dabei weitere Züge auf die eingleisige Strecke passen, müsse man erst mal sehen. Bestellungen der Länder machen da auch keinen Unterschied.“

Wohl und Wehe des SPNVs der Region hängen also schlussendlich nicht an Konzepten von Nahverkehrsberatern oder den Leistungsvergaben durch die Aufgabenträger, sondern offenbar ausschließlich am Goodwill der DB Netz. Das Potsdamer Fenster würde sehr interessieren, ob die IHK und ihr Nahverkehrsberater für dieses akute Problem auch eine Lösung im Schubfach haben.

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Nachtrag 1 - 18.12.: In einigen Feedback-Mails wurden wir gebeten, nocheinmal die Quellen zu diesem Text zu benennen. Diesem Wunsch kommen wir gerne nach: Wir beziehen uns   auf den PNN-Artikel vom 17. Dezember, sowie auf die Grafiken und die Ausführungen der IHK-Homepage. Das IHK-Gutachten in seiner Gesamtheit, war übrigens bisher nicht aufzufinden. Daher müssen wir unsere Meinung zu diesem Gutachten, dies sei hier nocheinmal ausdrücklich hervorgehoben, ausschließlich auf die genannten Quellen stützen. Wir revidieren (oder unterstreichen) unsere Meinung jedoch gerne, sobald uns das Gutachten im Wortlaut vorliegt. Informationen zum Verkehrsvertrag der Länder mit den EVU, sind sowohl der Homepage des Brandenburger Verkehrsministeriums, als auch der allgemeinen Presseberichterstattung entnommen - wie sie sich bis zum 17.12. darstellten.

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Nachtrag 2 - 18.12.: Feedback ist uns willkommen! Nutzen sie dafür bitte auch die Kommentarfunktion unter diesem Posting. Da das "Potsdamer Fenster" ein Meinungsportal ist, sollte die Diskussion über seine Texte natürlich öffentlich stattfinden.

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Nachtrag 3 - 21.12.: Ein Kommentar
Montag-Abend fand sich ein wahrer Kommentarwust im Posteingang des Potsdamer Fensters: Ein anonymer Schreiber ergriff das Wort für den, seiner Meinung nach, wohl von uns geschmähten Konzept-Autor Dieter Doege. Eine Schmähung Doeges lag uns übrigens absolut fern, steht uns nicht zu und war auch nicht beabsichtigt! Auch warf uns der Kommentator mehrfach völlige Unkenntnis vor, was natürlich sein gutes Recht ist.

Da die Kommentar-Funktion unseres Blogsystems bei 4069 Zeichen das Limit setzt und der Kommentar aufgrund diverser Text-Zitate wesentlich länger ist, erlauben wir uns einen weiteren Nachtrag, um auch diesem Kommentator zu seinem Recht auf Stellungnahme zu verhelfen. (PF)

[Kommentar-Anfang - Textzitate gekürzt, siehe bitte kompletten Text oben]
Anonym schrieb am 20.12.2010, um 16:32 Uhr:

Mit großer Verwunderung habe ich den Unsinn gelesen, den Sie hier geschrieben haben. Anscheinend haben Sie keine Ahnung von der Realität.
Zitat: "Auf der Suche nach einem Fachmann zur Lösung (...) Dieser Konflikt beschäftigte bereits die Gerichte und natürlich die Presse."

Die Combinokrise wurde von Dieter Doege bereits kurz nach der Auslieferung der Fahrzeuge prophezeit. Sie trat dann am 12. März 2004 erbarmungslos zu und führte zu einer in der Geschichte der Straßenbahn nur sehr selten vorgekommenen Aktion. Ich glaube in den 1930er Jahren gab es mal so etwas Ähnliches.

Zitat: "Dem Potsdamer Fenster wurde zudem bereits mehrfach und von unterschiedlichen Stellen kolportiert, (...) enthalten wir uns an dieser Stelle jedoch einer endgültigen Festlegung."

Was hat das mit dem aktuellen Konzept zu tun? Nichts, außer Stimmungsmache gegen Dieter Doege.

Zitat: "Das Doege etwas erarbeitete, wurde schon seit einigen Wochen augenscheinlich, fragte er doch in einschlägigen virtuellen Eisenbahn-Fanforen (...) scheint seine Arbeit abgeschlossen zu sein."

Im Gegensatz zu Ihnen, fragte er jemanden der sich auskennt!

Zitat: „Eine weitere Idee des IHK-Doege-Konzepts, ist die Einführung einer "Ring-Bahn" (...) um die Linienbezeichnung der Berliner S-Bahn zu zitieren."

Woraus zitiert sich die „Ringbahn“? Das steht so weder in der Zeitung und auch auf der IHK-Seite ist das nicht zu finden. Ein Rundkurs ist nicht gleich eine Ringbahn.

Zitat: "So soll zukünftig die RB21 tagsüber im 30-Minuten-Takt (...) So manch Berufspendler wird dies als Befreiung empfinden."

Das die RB 21 wirklich verlängert werden kann, dürfte mehr als bezweifelt werden. Durch die Bauarbeiten auf dem Abschnitt Grunewald und Nikolassee, ist eine Verdichtung der Zugtakte nicht möglich. Alleine der jetzige 30-Minuten-Takt der RE1 ist kaum zu schaffen. Außerdem besteht uns noch eine einjährige Vollsperrung bevor, zumindest nach bisherigen Planungen.

Zitat: "Natürlich wäre es begrüßenswert, würde das Land den 30-Minuten-Takt der RB21 über Golm hinaus (...) wohl weiterhin allein abquälen."

Ich bin mir nicht sicher ob Sie jemals auf dieser Strecke gefahren sind. Die Fahrgastzahlen geben einen 30-Minuten-Takt nach Wustermark doch gar nicht her. Die Züge werden tatsächlich in Golm deutlich leerer. Für die Fahrgäste zum Schloss Marquardt wäre eine an die RB21 angebundene Busverbindung wesentlich vorteilhafter.

Zitat: "Um den Campus Golm schnell an den Flughafen anzubinden, wird die RB22 "gestrafft" (...) zwischen Michendorf und Potsdam Hbf wird eine neue RB23 eingesetzt."

Eine wie ich finde völlig unsinnige Planung. Wer sich das ausgedacht hat, der sollte sich bei der Uni für das erste Semester eintragen. Wo bitte ist diese RB22 schnell? Alleine das Wenden am Potsdamer Hbf. wird ca. 6 Minuten in Anspruch nehmen. Das ist doch nicht schnell, dass ist eine Zumutung!

Zitat: "Die IHK-Doege-Regionalbahn wird zwar dem Wunsch (...) Das Argument der Mittel ist im chronisch klammen Land Brandenburg allerdings nicht von der Hand zu weisen."

Mit Verlaub, aber Sie sollten sich mal das System genau anschauen oder sich Hintergrundwissen aneignen. Mit der RB22 in Michendorf durchzufahren und dafür in Saarmund und Genshagener Heide anzuhalten ist eine bodenlose Frechheit und in keinster Weise nachvollziehbar. Man darf eben nicht, was ja in Brandenburg üblich ist, langsame Dieseltriebwagen einsetzen, sondern muss elektrische Triebwagen nehmen. Ich finde es eh als unsäglich mit einem Dieseltriebwagen fahren zu müssen, obwohl der gesamte (!) Fahrweg elektrifiziert ist. Umweltfreundlich ist so was nicht, aber was will von einem so ÖPNV-feindlichem Land wie Brandenburg auch anderes erwarten?

Zitat: "Prinzipiell ist gegen Flügel-Züge nichts (...) IHK-Doege-Lösung eigentlich verwendet werden soll?"


Für funktionierende Wagen ist der Betreiber der Linien verantwortlich. Wieso muss ein Konzept, wo es um Fahrplanvorschläge geht, so etwas ausarbeiten?

Zitat: "Die bisher auf der RE1 & RB21 eingesetzten, Lok-bespannten (...) demnach also auf absehbare Zeit nur in "Wolkenkukuksheim"."

Ob der KISS in Brandenburg eine Zulassung bekommt oder nicht, steht noch gar nicht fest. Derzeit ist das Fahrzeug noch im Bau. Die Hersteller liefern genau das, was die Besteller verlangen. Da ja alles möglichst billig sein muss, kommt eben so was dabei raus. Das hat aber nichts mit dem Konzept zu tun. Das Flügeln von Zügen ist eine ausgesprochen gute Idee. Wieso Sie nun Herrn Doeges Flügelzüge an einen Ort der Phantasie abschieben, müssen Sie mal erklären.

Zitat: "Das IHK-Doege Konzept ignoriert darüber (...)  Beschleunigungskraft der derzeit eingesetzten Loks vom Typ BR112/114."

Hier zeigt sich einmal mehr die Inkompetenz des VBB. Da werden Sitze enger gebaut, angeblich schnellere Loks vorgespannt und schon hat man alle Probleme gelöst. Der Halt des RE1 in Berlin-Charlottenburg ist etwas, was ich absolut unsinnig finde. Das ist ein Regionalexpress und keine Regionalbahn. Diesen Unterschied scheint man in Brandenburg noch nicht verstanden zu haben.
Anscheinend sind Sie Mitglied irgendeines Fahrgastverbandes. Anders kann man diese Stimmungsmache hier nicht erklären. Ihr Artikel hat weder den notwendigen Sachverstand, noch kann man das als Meinung bezeichnen.

Zitat: "Papier ist geduldig. Und bei der IHK (...) Weichenstellungen der Politik zur Kenntnis zu nehmen."

Alleine diese Aussage ist eine reine Frechheit. Sie kennen das Konzept nicht einmal und erlauben sich ein Urteil aus Daten die so gering sind wie eine Bakterie groß ist.

Zitat: "Das neue „Netz Stadtbahn“, wie es (...) etwas einigermaßen Ordentliches herausgekommen."

Hier sieht man einmal mehr, dass Sie keine Ahnung haben. Dem ersten Satz stimme ich zu, aber den Rest können Sie vergessen. Hier ist überhaupt nichts Ordentliches rausgekommen.

Zitat: "Es überrascht geradezu, dass (...) Zuständen auf der RE1 verschließen."


Die S-Bahn ist sicherlich nicht geeignet um schnell von Berlin nach Potsdam zu kommen.

Zitat: "Das Doege-Konzept, mit seinen Ringlinien (...) Angebot bereits annehmbar versorgt sind."

Sie sollten sich erstmal mit der Materie befassen und sich dann äußern.

Zitat: "Die IHK Potsdam, als Auftraggeberin (...) auch eine Lösung im Schubfach haben."

Hier machen Sie erst richtig deutlich, dass Sie das Konzept in keinster Weise begriffen haben. Ich bezweifle sogar, dass Sie irgend was vom SPNV oder ÖPNV verstehen. [Kommentar-Ende]
Anmerkung Potsdamer Fenster: Es scheint im Übrigen bei ÖPNV-Machern, -Beratern und deren Verteidigern geradezu ein Volkssport zu sein, den Fahrgästen jedes Recht auf Kenntnis und Meinung über den ÖPNV abzusprechen. Da fragen wir uns doch, wer wenn nicht die, die ihn jeden Tag nutzen/ertragen müssen, weiß was in Bus & Bahn los ist?  Da man uns Fahrgästen offenbar das Recht auf Meinung abspricht, nehmen wir uns dieses Recht jetzt einfach heraus und werfen ÖPNV-Machern, -Beratern und deren Verteidigern schlichte Bunkermentalität vor. Der "Beförderungsfall" wehrt sich jetzt, gewöhnen sie sich daran! "Wir bitten um ihr Verständnis."

Montag, 4. Oktober 2010

Wenn Stuttgart plötzlich in Babelsberg liegt - "S21" und die Folgen

Die Gemüter über den geplanten Umbau und die Tieferlegung des Stuttgarter Hauptbahnhofs kochen seit Wochen und zurecht. In der Medienberichterstattung fällt dabei aber vor allem die Fokussierung auf die nicht enden wollenden Demonstrationen und deren grobe Mißachtung durch die Politik auf.


Ein negativer Hauptaspekt dieses Milliardengrabs ist dabei bisher zu kurz gekommen. Da der Bund auch in der andauernden Legislaturperiode und bis 2020 lediglich 11 Mrd. Euro für den Aus- und Umbau der Schieneninfrastruktur in der gesamten Bundesrepublik zur Verfügung stellt (die Unterfinanzierung des Schienenverkehrs hat in der deutschen Politik schon etwas Traditionelles) und "Stuttgart21" mindestens 6 Mrd. € davon schlucken wird, bleiben für das restliche Eisenbahnnetz der Bundesrepublik noch höchstens 5 Mrd. € übrig. Fünf Milliarden Euro durch 16 Bundesländer, die allesamt eigene lange Listen mit dringendem Investitionsbedarf vorweisen können.

Für die Region Berlin-Brandenburg lässt sich schon heute prognostizieren, dass der Umbau des Bahnhofs Ostkreuz und die Anbindung von BBI auf lange Sicht die letzten großen Bauvorhaben in der Schieneninfrastrucktur gewesen sein werden. Insbesondere angesichts der enormen Investitionen in den Bahn-Knoten Berlin seit der Wende.


Die Vervollständigung des "Pilz-Konzeptes" mit dem Wiederaufbau der Dresdner Bahn darf sich dabei durch "Stuttgart21" genauso als bedroht verstehen, wie der Ausbau der Schienenverbindungen nach Polen. S-Bahnen nach Falkensee oder Velten sind nahezu illusorisch (angesichts der Brandenburger Verkehrspolitik waren sie das aber sowieso). Planspiele zum Wiederaufbau der Stammbahn oder der S-Bahn in die Berliner Gartenstadt sind und bleiben erst recht was sie sind: Planspiele. Und zur Erinnerung: Den Streckenausbau Berlin-Cottbus hätte es ohne das Konjunkturpaket nicht gegeben, denn DB-Netz wollte die Ertüchtigung der "Lausitz-Magistrale" auf 160 km/h ursprünglich auf unbestimmte Zeit zurückstellen, trotz zugesicherter Planungsmittel durch das Land Brandenburg.


Auf dem Fahrgastsprechtag des Berliner Fahrgastverbands IGEB machte Peter Buchner, der Geschäftsführer der DB-Tochter S-Bahn-Berlin GmbH, dann auch eher unfreiwillig deutlich, dass "Stuttgart21" längst in unserer Region angekommen ist: "Der zweigleisige Ausbau der Strecken nach Strausberg-Nord und Potsdam Hbf. steht ganz oben auf unserer Liste. Doch DB-Netz setzt seine Prioritäten derzeit woanders."


Artikel im Kontext:

# FTD vom 4. Oktober: "Stuttgart21 ist das Geld nicht wert"
http://www.ftd.de/politik/deutschland/:bahnprojekt-stuttgart-21-ist-das-geld-nicht-wert/50178214.html?page=2

# Der Freitag vom 3. Oktober: "Notbremsung für Stuttgart21"
http://www.freitag.de/politik/1039-notbremsung-fuer-stuttgart-21

# Spiegel-Online: "Ramsauer fehlt das Geld für Streckenausbau"
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,712902,00.html


(c) Grafiken "Max Maulwurf": DB AG 2010