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Sonntag, 16. Januar 2011

13 - 33 - 53 | Die ViP, die S-Bahn & der Notfahrplan

2009, 2010, 2011
Eins ist klar: Ab 24. Januar fährt die S-Bahn nach einem neuen Not-Fahrplan, sozusagen "Notfahrplan 6.0". Wie üblich halten es die Verkehrsunternehmen und der Verkehrsverbund VBB nicht für nötig, ihre Fahrgäste frühzeitig an den Details der neuen Fahrpläne Teil haben zu lassen. Erst am 19. Januar, also ganze fünf Tage vorher wird die S-Bahn Berlin GmbH ihren "Notfahrplan 6.0" veröffentlichen. Natürlich hört man seit Tagen von dem immensen Aufwand, den die Fahrplanumstellung mit sich bringt, nur sei da die Frage erlaubt: Ist das nicht das Alltagsgeschäft eines Verkehrsbetriebs?

Und zur Erinnerung: Die Deutsche Bahn AG publiziert ihre Fahrpläne im Regelfall bereits über einen Monat vor Inkrafttreten. In der Berlin-Brandenburger Nahverkehrsprovinz scheint es hingegen völlig normal zu sein, den Kunden neue Fahrpläne quasi erst im Vorbeifahren zu präsentieren. Sicherlich sind die Umstände besonders und besonders widrig. Umso mehr erstaunt es jedoch, dass man in der Kundeninformation sogleich wieder die eigenen Defizite zur Schau stellt.

Der S-Bahn muss man dabei noch zugutehalten, dass sie die Onlineauskunft schon zum Mittwoch, 19. Januar aktualisieren will. Normalerweise wird die Fahrinfo-Datenbank beim DB Konzern nur donnerstags aufgefrischt.

Was die anderen Verkehrsunternehmen im Detail tun werden, insbesondere die Potsdamer Verkehrsbetriebe, davon darf man sich dann ab dem 19. Januar überraschen lassen. Oder vielleicht auch erst am Morgen des 24. Januar.
Einmal mehr stellt sich die Frage, welchen Sinn der sog. "Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg" (VBB) eigentlich hat?
Mit einiger Recherchearbeit war es dem "Potsdamer Fenster" möglich, schon vorab Details zum "Notfahrplan 6.0" zuerhalten. Gesetz dem Fall, die recherchierten Daten stimmen, so ist dieser neue S-Bahn Fahrplan für Potsdamer Fahrgäste eine Hiobsbotschaft.

Entgegen dem derzeit recht stabil angebotenen allgemeinen Not-Fahrplan, mit einem 10-Minuten-Takt, wird die S7 ab 24. Januar tagsüber nur noch alle 20 Minuten verkehren. Dem nicht genug, verschieben sich die Abfahrtszeiten dabei auch noch erheblich.

Greift man den Potsdamer Hauptbahnhof als wichtigsten Umsteigepunkt heraus, so ergibt sich eine Verschiebung der Abfahrtszeiten um sieben Minuten nach hinten, also anstatt zu den Minuten 00, 20 & 40, fahren die Züge zu den Minuten 13, 33 & 53. Das ist, bedenkt man die Anschlüsse von Tram & Bus, eine heftige Verschiebung

Bei der Ankunftszeit der S7 aus Berlin wirkt sich der neue Fahrplan weniger verheerend aus: Anstatt zur Minute 04, 24 & 44, erreichen die Züge nun zu den Minuten 06, 26 & 46 den Potsdamer Hauptbahnhof.

Der neue Not-Fahrplan wird bekanntlich notwendig, da die S-Bahn Berlin GmbH 60 km/h als neue rechnerische Maximalgeschwindigkeit ihrer Züge festgelegt. Damit soll auch bei erheblichem Schneefall und Frost ein verlässlicher Fahrplan erreicht werden. Denn wenn die Besandungsanlagen oder Fahrmotoren der Züge teilweise einfrieren oder ausfallen, können die Züge immerhin noch mit 60km/h fahren. Herrscht jedoch trockenes und frostfreies Wetter, funktionieren die Züge überwiegend zuverlässig und sind in der Lage, ihre aktuelle Maximalgeschwindigkeit von 80 km/h auszufahren. Kurz gesagt: Aus dem derzeitigen fragilen Schönwetter-Fahrplan soll ab 24. Januar ein solider Schlechtwetter-Fahrplan werden.
Selbstredend mutet die ganze Diskussion, um schönes und schlechtes Wetter und seine Folgen für den S-Bahn-Betrieb, völlig grotesk an. 
Es ist absolut indiskutabel, dass der S-Bahn-Betrieb bei stärkerem Frost oder Schneefall zusammenbricht. Insofern ist auch die gegenwärtige Gesamtsituation, unter der nun dieses neue Fahrplanregime eingeführt wird, unerträglich und eine Zumutung.

Die Wahl zwischen zwei Übeln steht hinter dem neuen Fahrplan: Fährt man weiterhin nach dem (auf 80km/h ausgelegten) aktuellen Notfahrplan aus dem Jahr 2010 und riskiert dabei den Zusammenbruch des Verkehrs, beim nächsten Schneetief? Oder reduziert man das Angebot und fährt den "Rest" dafür auch unter winterlichen Witterungsverhältnissen stabil und verlässlich?

Die S-Bahn hat sich, nach Rücksprache mit den Bestellern, für die zweite Variante entschieden, die für ihren Betrieb zwei zusätzliche Vorteile besitzt: Sie kann den zuletzt angestauten Wartungsrückstand allmählich abarbeiten. Und sie kann ihre Dienstpläne wieder verlässlich disponieren: Damit soll dann auch ausgeschlossen sein, dass Zugführer gezwungenermaßen ihre funktionierenden Züge abstellen müssen, weil sie ihre maximalen Lenkzeiten erreicht haben und keine Ablösung verfügbar ist. Zu solchen Vorfällen kam es im Dezember-Chaos 2010 öfters.

Aus Fahrgastsicht behält diese Lösung, trotz der vernünftigen Argumente, einen sehr fahlen Beigeschmack. Die Ausdünnung der Takte fällt besonders schmerzlich auf: Mitten in der Vorlesungszeit wieder auf einen 20-Minuten-Takt zurückgeworfen zu sein, dürfte an den Potsdamer Unis für neuen Unmut sorgen. Noch schlimmer trifft es Pendler von/nach Hennigsdorf, dort fährt nur noch alle 30 Minuten eine S-Bahn.
Die angebliche Verlässlichkeit dieses neuen Fahrplans muss sich dabei erst beweisen. 
Zweifel sind angebracht, denn der "Notfahrplan 6.0" benötigt eine erhebliche Zahl an Viertel-Zügen. Das lässt für die nächste dicke Schneewolke nichts Gutes erahnen.

Wenig Gutes dürfen Potsdamer Fahrgäste wohl auch von ihrem S-Bahn-Zubringer erwarten: Aus dem Hause der Potsdamer Verkehrsbetriebe (ViP) war zuletzt zu vernehmen, dass zwar "drei Abteilungen mit dem neuen S-Bahn-Fahrplan beschäftigt sind" - so die ViP in der Märkischen Allgemeinen Zeitung; allerdings "bräuchte man vier bis fünf Wochen", um die ViP-Fahrpläne an die S-Bahn anzupassen.
Vier bis fünf Wochen?!
Wenn der neue Notfahrplan eingeführt wird, bedeutet dies 2 Wochen, in denen die beiden zentralen Tram-Linien 91 & 92 Sicht- bzw. Nichtanschlüsse zur S-Bahn produzieren werden. Insbesondere in den Abendstunden bleiben nur noch 2 Minuten Umsteigezeit von Tram zu S-Bahn - selbst für gute Läufer ist das nicht schaffbar. In südlicher Richtung ist die S-Bahn sogar schon 2 Minuten weg, wenn 91 & 92 zu ihrem Sammelanschluss am Hauptbahnhof eintrudeln; Umsteigezeit dann 18 Minuten. Das ist grobe Fahrgastfeindlichkeit. Spekuliert die ViP auf ein schnelles Ende des "Notfahrplans 6.0"? So schnell wieder abschaffen wird die S-Bahn diesen neuen Fahrplan wohl nicht: "Vielleicht Ende Februar, Anfang März" - war aus dem Hause S-Bahn zuletzt zu vernehmen.
Nichts oder Nichtanschluss, das macht keinen Unterschied
Lassen sich diese Nichtanschlüsse tagsüber noch durch das Umsteigen auf die Linien 93 & 96 teilweise kompensieren, wird es dann in den Abendstunden richtig bitter. Einmal mehr rächt sich der abendliche Sammelanschluss von 91 & 92 am Hauptbahnhof. Und das generelle Kaprizieren auf einen 20-Minuten-Takt der Linien.

Ähnliche Zumutungen drohen am Hauptbahnhof übrigens auch auf den Linien 638, 639, 693 und 695. Dem 693er droht ein solches Debakel in Babelsberg. Die Linie 694 dürfte ihren Fahrplan-Gau am Bahnhof Griebnitzsee erleben: Dort gibt es zwischen Bus und Bahn in alle Richtungen nur Sichtanschluss - sofern die ViP nicht reagiert.
Deshalb kann man die ViP nur ausdrücklich davor warnen, am 24. Januar mit einem unveränderten Fahrplan in den Betrieb zu starten.  
Aufhorchen lassen Presseberichte, in denen Kostenargumente gegen die Umstellung der Fahrpläne erhoben wurden. Es ist stadtbekannt, dass die ViP ihr Nahverkehrsangebot vor allem nach betrieblichen Kennziffern ausrichtet und weniger nach dem Fahrgastnutzen. Die Stadt reagierte bereist angesäuert auf den neuen S-Bahn Fahrplan und forderte eine Kompensation von der Deutschen Bahn. Das ist einigermaßen unverständlich, schließlich behält das Land Brandenburg doch mit Einführung des neuen Not-Fahrplans erhebliche Bestellentgelte ein. Wenn die Stadt Potsdam also Geld für den Mehraufwand ihres Verkehrsbetriebs sehen möchte, sollte sie sich zuallererst an das zuständige Landesministerium für Verkehr wenden.

Allerdings ist hier Eile geboten, denn Brandenburgs Finanzminister dürfte diese Gelder vermutlich schnellstens in den Haushalt zurückspeisen wollen. Damit sind sie für die Fahrgäste verloren. Schlimmstenfalls wären Potsdam Fahrgäste dann dreifach die Leidtragenden: Die S-Bahn fährt seltener, die Straßenbahn hat keinen Anschluss mehr und das Geld, das für den Nahverkehr vorgesehen war, ist auch weg.

Die S-Bahn-Krise, sie wird zunehmend zu einer Bewährungsprobe für Brandenburgs Verkehrsbetriebe und -politiker.

Sonntag, 2. Januar 2011

"Ein Ring sie zu knechten!" - Die S-Bahn, ihre Kunden und Facebook

Kreativer Umgang mit der S-Bahn-Krise: Fotomontage eines facebook-Users

Auch wenn die S-Bahn nicht fährt, sind ihre Fahrgäste mobil - im Internet. Das soziale Netzwerk Facebook hat sich dabei zu einer Art Plattform der unverzüglichen Unmutsbekundungen gemausert. Seit Wochen sprechen die Pinnwandeinträge der User nur eine Sprache: Blanker Hass gegenüber der S-Bahn und ihrer miesen Angebotsqualität.

Hier einige Beispiele für S-Bahn-bedingte Pinnwandeinträge der letzten 14 Tage. Eine besondere Auswahl haben wir dabei nicht vorgenommen, denn der Tenor ist überall gleich negativ:
"Freut sich schon auf die morgige Fahrt mit der Berliner S-Bahn ... das wird ein Horrortrip^^"

"FUCKING S-BAHN! Wie zur Hölle soll ich zur Arbeit kommen, wenn mir sämtliche Möglichkeiten verbaut werden? Kein Zugverkehr auf den Strecken Schönholz/Hennigsdorf und Spandau/Westkreuz? Macht doch euren BVG-Schuppen einfach komplett dicht. Ihr kriegt ja eh nix mehr gebacken..."

"Ich glaub, ich werd morgen zur Uni laufen. mit der S-bahn brauch ich länger :S"

"viel zu früh hier...weil die S-Bahn pünktlich kam und ich das nicht mehr gewohnt bin! WO kann ich mich beschweren?!!"

"Das S-Bahn-Chaos geht weiter: Seit Sonntag fahren auf vier Abschnitten gar keine Züge mehr."

"Eine Kündigung des VBB-Abos setzt die S-Bahn unter Druck und ist für den Einzelnen ohne Risiko. Das ist für uns als Kunden auch unser gutes Recht, schließlich hat die S-Bahn dadurch Geld gespart, dass sie "offenbar Wartungsprotokolle gefälscht hat" und lebenswichtige Kontrollen nicht durchgeführt hat."

"Wenn die BVG weniger Geld aufgrund schlechter Leistungen der S-Bahn bekommt, werden sich BVG, S-Bahn und Politik zwangsläufig mit der Situation auseinandersetzen müssen. Mir geht es darum, den Druck zu erhöhen."

"Herr Grube sitzt gerade über einem neuen Buch "Die Bahn schafft sich ab" - und wird damit zum Millionär..."

"Es funktioniert auch im Januar nicht, trotzdem wieder alle voll zahlen und sogar die Tarife erhöht wurden. An den Entschädigungszahlungen kann es also nicht liegen. Im Tagesspiegelforum kam jetzt der kreative Vorschlag auf, nur noch ermäßigte Karten zu lösen bzw. Lastschriften zu widersprechen und entsprechend gekürzte Zahlungen zu überweisen."

"Ist für die sofortige Rücknahme der Tariferhöhung. Stattdessen sollte das "Entschuldigungspacket" weiter gelten solange wie die S-Bahn ihre Probleme nicht in den Griff bekommt."

"Die Erschleichung von Beförderungsdienstleistungen. d.h. Schwarzfahren, ist strafbar. Ich möchte aber mal vermuten, dass auch die Umkehrung, nämlich die Erschleichung von Beförderungsentgelten nicht ganz straffrei sein kann. Wann werden hier staatsanwaltschaftliche Ermittlungen aufgenommen? "

"Es ist einfach unfassbar, dazu fehlen einem die Worte. Es hat seit einer Woche nicht mehr geschneit und trotzdem... Was haltet ihr von einer Demo, irgendetwas um denen zu zeigen, dass es so einfach nicht mehr geht? Auf Fahrscheine zu verzichten halte ich für fragwürdig, denn wenn man dann irgendwann fährt, hat man ja eine Dienstleistung in Anspruch genommen... Aber irgendwie muss man sich doch mal wehren können.!

"Ich find's ja so super, wenn 30 Minuten lang die Ringbahn in "2 Minuten" kommt!"

"Um ein vergleichbares Chaos im nächsten Winter zu vermeiden, hat die S-Bahn-Berlin GmbH beschlossen, den Betrieb von Oktober 2011 bis März 2012 einzustellen. Gleichzeitig werden die Fahrpreise um 10% erhöht, da keine Ärgernisse auf Seiten der Fahrgäste zu befürchten seien" - so ein Sprecher der S-Bahn Berlin GmbH im RBB."

"Überflüssig zu Posten, dass ich mal wieder auf eine unverhältnismäßig verspätete S-Bahn warte..."

"Eben grade durchgesagt: "Auf Grund von Wetter (!) kommt es heute auf der S2 zu Verspätungen! ...und Zugausfällen. Der nächste Zug Richtung Buch entfällt!"

"...ein Ring sie zu knechten!"

"Achtung: Auf der S2 Richtung Blankenfelde fährt ein Zug pünktlich, bitte berücksichtigen sie dies. - die S-Bahn ist bereits dabei den Fehler zu beheben."

"Dienstag 22:45h nach der Arbeit: Ring 42 über 30 min. auf die Bahn gewartet (reguläre Wartezeit 7min.). Keine Durchsage weswegen die Bahn nicht kam, Anruf beim S-Bahn-Service, geschlagene 10 min. in der Warteschleife ausgeharrt, um dann zu erfahren das es kein Problem gibt und sie keine Ahnung haben... Ich hätte die Frau durchs Handy ziehen können... Und jetzt noch die Fahrpreiserhöhung!!! PURER HASS!!!!"
Die grandiose Seite 1-Traueranzeige des BERLINER KURIER vom 3. Januar,
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