Dienstag, 9. August 2011

Feierabend-Fahrplan vs. Fahrgäste - 1:0

Vorsicht Fahrplan! (2)

Sobald man nach 21 Uhr den großstädtischen Raum verlässt, ist man als Fahrgast in ÖPNV-Deutschland sehr schnell auf seine Füße angewiesen. Es sei denn, man verfügt über einen PKW. Der Nahverkehr in Potsdam bildet da, trotz seiner direkten Nachbarschaft zu Berlin, keine Ausnahme.

Potsdams ÖPNV, werktags um 01:10 Uhr: Ein großes Nichts.

Zwar fand vor einigen Jahren eine kleine Kulturrevolution statt, als der Betriebsstart des sog. „Nachtverkehrs“ von 21 Uhr auf 01.30 Uhr verschoben wurde. Doch ist man dabei auf halbem Weg wortwörtlich stehen geblieben bzw. hat einige der damals realisierten Verbesserungen bereits wieder gestrichen. Zwei Straßenbahnlinien des Tagesverkehrs sollen bis etwa 00:30 Uhr das Stadtgebiet mit ÖPNV versorgen. Zusätzlich irrlichtern diverse Tagesbuslinien abschnittweise und teilweise nur im Stundentakt durch die Stadt, ohne dass dahinter eine besondere Systematik geschweige denn ein Fahrgastnutzen erkennbar wäre. Prinzipiell gilt: Je später es wird, desto spärlicher und unübersichtlicher sind die Verbindungen.



Eigentlich, so könnte man meinen, ist die Sache simpel: Der wichtigste Verkehrsträger im Berlin-Potsdam-Verkehr, der Regionalexpress, gibt den Takt vor. Zwei Bahnhöfe sind dabei entscheidend: Der Hauptbahnhof und der Bahnhof Rehbrücke, nachgelagert auch noch die Bahnhöfe Medienstadt, Charlottenhof und Park Sanssouci. Zwischen 21 Uhr und 1 Uhr kommen die Züge im Stundentakt aus Berlin an. Das sollte von jedem Fahrplanentwickler leicht zu beherrschen sein. Eigentlich.

Bei der ViP tut man sich allerdings immer noch sehr schwer, den Regionalexpress als wichtige Größe bei der Fahrplangestaltung anzuerkennen. Am Bahnhof Rehbrücke darf man nach der Ankunft des RE7 bspw. 13 Minuten herumstehen, bis eine Tram der Linie 91 vorfährt. Am Hauptbahnhof ist man wiederum gut beraten zügig umzusteigen, denn zwischen der Ankunft des RE1 und der Abfahrt der Linien 91 & 92 Richtung Innenstadt vergehen nur fünf Minuten. In diesen fünf Minuten muss man allerdings auch noch vom Gleis 3 die Treppen hoch, durch die Bahnhofsspange hindurch, die Treppen wieder runter und zur Halteposition der Straßenbahnen nach ganz ganz vorne hechten. Nahverkehr als Fitnessprogramm.

Jede Minute Verspätung des RE’s ist Gift für diesen sogenannten Anschluss am Hauptbahnhof. Die derzeitige Bautätigkeit zwischen Berlin und Potsdam sorgt sehr häufig für Sichtanschlüsse, denn selbst bei Verspätungen unter fünf Minuten (die bekanntlich von der DB AG gar nicht als Verspätung angesehen werden) ist die Tram abgefahren. Lediglich Fahrgäste nach Potsdam-Süd können ihre Heimfahrt etwas entspannter genießen. Sie haben zehn Minuten Zeit zum Umsteigen vom RE auf die Tramlinien 91 & 92. Selbstverständlich nur, solange der Zug pünktlich ist.

Das meint die BVG sogar ernst, selbst in Potsdam.
Allerdings kommen nur Anwohner der Linie N16 in diesen Genuss.

Völlige Anarchie herrscht bei den Buslinien: Die Linie 690 fährt drei Minuten vor dem ankommenden RE1 ab, die Linie 693 sieben Minuten bzw. elf Minuten nach dem Zug, die 695 folgt neun Minuten nach dem RE1, die 639 folgt dem RE acht Minuten später. Alle Zeiten gelten nur, wenn der RE1 auf die Minute pünktlich in Potsdam Hbf ankommt. Das ist laut Fahrplan übrigens die Minute 06. Am Rande sei bemerkt, dass die Buslinien 639 und 695 ab etwa 20 Uhr nur noch im Stundentakt verkehren. Die Buslinie 605 vermeidet ab Sonnenuntergang eine Berührung mit dem Hauptbahnhof und dreht ihre Runden irgendwo zwischen Golm und Potsdam West, Bus 694 taucht zur selben Zeit im Griebnitzsee ab.

Die letzten Straßenbahnen und Busse des Tagesverkehrs fahren gegen halb eins, die Linien 99 und 695 stellen ihren Betrieb bereits nach 22 Uhr ein, ein Bus der Linie 639 fährt um 23.14 Uhr zum letzten Mal vom Hauptbahnhof nach Potsdam Nord. Der „Nachtverkehr“ startet um kurz nach halb zwei. Der letzte Zug des RE1 kommt werktags um 01.06 Uhr in Potsdam Hauptbahnhof an. Fällt ihnen etwas auf? Noch nicht?

Weitere Details, die man als Fahrgast wissen muss, will man nicht verloren am Hauptbahnhof stehen: Die S-Bahn kommt bis 01.24 Uhr alle 20 Minuten in Potsdam an, sie hat zum letzten Mal um 00.57 Uhr Anschluss zu Tagesbuslinien, zur letzten Straßenbahn in die Innenstadt besteht um 00.32 Uhr Anschluss, bis 01.31 Uhr verkehren keinerlei Fahrten in Richtung Innenstadt. In Richtung Süden fahren noch bis 01.17 Uhr Straßenbahnen des Tagesverkehrs. Wer nach halb eins aus dem südlichen Potsdam oder Zentrum-Ost in die Potsdamer Innenstadt möchte, den schickt „Fahrinfo“ nach Berlin: Um 00:51 Uhr soll man mit dem RE1 vom Hauptbahnhof nach Wannsee fahren. Ab Wannsee geht es dann mit dem Bus N16 bis Platz der Einheit weiter. Von den waghalsigen Anschlüssen am Bahnhof Wannsee ganz abgesehen, ist hier auch noch ein zusätzlicher Fahrschein für den Berliner Tarifbereich B nötig. Eine völlig irre Fahrtempfehlung ist es allemal, vor allem jedoch ist sie entlarvend für die Fahrgastfeindlichkeit der Potsdamer Verkehrsbetriebe.

Nacht in Potsdams Fahrplänen

Defakto wird Potsdam ab halb eins durch den ViP-Fahrplan zweigeteilt: Wer südlich der Havel und in Nachbarschaft des ViP-Betriebshofs wohnt, profitiert vom Feierabendverkehr der Verkehrsbetriebe. Wer nördlich der Havel, in der Innenstadt, Potsdam West oder Potsdam Nord wohnt, hat Pech gehabt und darf sich schlimmstenfalls auf fast eine Stunde Wartezeit einstellen; oder laufen.

Zu dieser Uhrzeit trifft man in Bus & Bahn vor allem auf Reisende, die in Schicht arbeiten oder aus Freizeitgründen unterwegs sind. Nutzergruppen, um die ein Verkehrsbetrieb eigentlich kämpfen sollte, anstatt sie zu vergraulen. Ein weiterer Punkt wiegt in diesem Zusammenhang schwer: Durch die fehlgeleitete Tarifstruktur im VBB, wird für die Fahrt zwischen Berlin & Potsdam ein besonders hoher Fahrpreis fällig. Im härtesten Fall zahlt ein Fahrgast 91€ für seine Monatskarte Berlin ABC. Das ist ein Betrag, den selbst Menschen mit einem passablen Einkommen schmerzhaft spüren. Umso schlimmer ist es dann, wenn diese Kunden für ihre Treue und ihre Bereitschaft zur Zahlung hoher Fahrpreise, auf dem letzten Meter bis zur Haustür, durch die Potsdamer Verkehrsbetriebe abgestraft werden. Vorsicht Fahrplan!

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