Mittwoch, 11. Mai 2011

Konzeptfrühling beim Bahnkundenverband

Potsdams Nahverkehr musste schon viele wirre Konzepte über sich ergehen lassen. Und viele selbst ernannte ÖPNV-Experten versuchten, sich auf Kosten der Fahrgäste zu profilieren. Dass nun ausgerechnet die Fahrgastlobbyisten vom Deutschen Bahnkunden Verband in diesen unsäglichen Reigen einsteigen, mutet wie ein übler Scherz an. Es ist natürlich auch Aufgabe von Interessenvertretungen wie dem DBV, eigene Ideen und Vorschläge öffentlich zu formulieren. Der Schwesterverein des DBV, der Berliner Fahrgastverband IGEB e.V., führt seit Jahren erfolgreich vor, wie es auch gehen kann: Öffentlichkeitswirksam und durchaus auch effektiv gelingt es dem IGEB e.V., seine Ideen zu platzieren. Die Berliner Verkehrsunternehmen übernehmen diese Ideen häufig - allerdings lieber stillschweigend.


Grafik aus dem DBV-Konzept | (c) Bild: www.iconspedia.com

Offenbar mit der Berliner Schwester als Vorbild, stellte die Potsdamer Ortsgruppe des Bahnkundenverbands Anfang Mai ein Konzept zum Potsdamer Straßenbahnverkehr der Öffentlichkeit vor: "Die Straßenbahn in Potsdam 2011 und in zehn Jahren", wurde dieses Konzept in großen Lettern überschrieben. [Link führt zum entsprechenden pdf.] Was danach in dem Dokument folgt ist eine Ansammlung von Nahverkehrsdioramen und Motiven, wie sie wohl allenfalls pufferküsserische Bahnfans zustande bringen können.



Munter wird mit kleinen Grafiken und Schaubildern gearbeitet, deren Urheberschaft allerdings im Unklaren bleibt. Nicht erst durch den Fall Guttenberg sollte klar sein, dass Quellen und Urheber nennungsbedürftig und nachvollziehbar sein müssen. Urlaubsbilder, wie sie nur Bahnfans machen können, wechseln sich zudem mit Wikipedia-artigem Material ab. Erläuterungen, Zahlen, Statistiken - irgendetwas Belastbares findet sich nicht. Dass "Powerpoint"-Folien in unseren schnelllebigen Zeiten als fertige Konzepte verkauft werden, daran hat man sich mühevoll gewöhnen können. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass solche "Konzepte" allenfalls als illustratives Hintergrundrauschen funktionieren. Um eine tatsächliche Informationsgrundlage abzugeben, bedarf es wesentlich mehr, dies kann die Bildersammlung des DBV nicht leisten.

Straßenbahnromantik - zu rein illustrativen Zwecken | (c) Bild: www.trsberlin.de

Der Potsdamer Nahverkehr prosperiert und funktioniert problemlos - diesen Eindruck gewinnt man angesichts des dünnen Bisschens an gegebenem Material im DBV-Konzept. Deshalb kann man auch munter das System Straßenbahn ausbauen, bis hinein in die benachbarten Landkreise, so geht es zumindest aus einer Karte im Vortrag hervor. Diese Landkreise haben allerdings kein Interesse an der Tram und der Anbindung nach Potsdam, was natürlich unerwähnt bleibt. Ebenfalls ignoriert wird, dass der Potsdamer Verkehrsbetrieb aufgrund von (politisch zumindest stillschweigend tolerierter) Management-Fehlsteuerungen nahezu handlungsunfähig geworden ist. Bis zu einem stabilen Angebot, welches den heutigen Anforderungen entspricht, wird es Jahre dauern.

Die Potsdamer Fahrgäste ächzen heute unter einem völlig überlasteten und unterfinanzierten Nahverkehrssystem, doch beim Bahnkundenverband gibt man lieber den Visionär und plant die Tram bis in die hinterste Siedlung der Stadt Potsdam. Um es mit Alt-Kanzler Helmut Schmidt zu sagen: "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen." Und der IGEB e.V. wäre, im Interesse der Fahrgäste, gut beraten seiner Potsdamer Schwester Nachhilfe zu geben.

8 Kommentare:

Benjamin Karl hat gesagt…

Mir scheint, das eigentliche Konzept wurde nicht gelesen. Es werden in diesem konkrete Mängel benannt und Lösungsansätze vorgeschlagen. Alle im Konzept vorgeschlagenen Maßnahmen werden begründet.
Zum Vortrag: zu den Folien gehört natürlich auch der Vortrag selber. Die Vortragsfolien haben allein die Funktion, das gesagte anschaulich für die Zuhörer zusammenzufassen.
Die Bilder des Vortrages sind entweder Freeware oder eigene Darstellungen der Gruppenmitglieder.

Anonym hat gesagt…

DBV, der Name ist Programm. Was hat der DBV schon alles gefordert und verlangt, passiert ist nichts. Im Gegensatz zur IGEB wird der DBV kaum ernst genommen. Das kann er auch gar nicht, zu oft hat er Versprechen nicht eingehalten. Bestes Beispiel ist die Strecke Groß Leuthen Gröditsch und Beeskow die der DBV schließen wollte. Was ist passiert? Nichts!

Das sogenannte Konzept wurde am 5.5.2011, nach einer Ankündigung am selben Tag, in einer Gaststätte am Bahnhof Charlottenhof "präsentiert". Der Präsentator hat sich dadurch ausgezeichnet, nicht in der Lage gewesen zu sein auf Fragen zu antworten. Mangels entsprechender Vorbereitung usw. Auch hat der Präsentator immer wieder an Lautstärke verloren, so dass man ihn kaum verstanden hat.

Auch die darin verwendeten Bilder sind einfach nur ein Hohn. Soll Potsdam eine Hochbrücke bauen, so wie an der Mosel? Oder soll Potsdam sich alte Tatrawagen aus Prag kaufen, damit der Verkehr stabilisiert werden kann? Es müssen erstmal die jetzigen Probleme beseitigt werden, dann kann man auch an die Zukunft denken. Momentan ist die ViP nicht einmal in der Lage den jetzigen Verkehr zu bewältigen. Hier muss der DBV mal einen VERNÜNFTIGEN Vorschlag machen, wie man dieses Problem beseitigt bekommt.

Onb hier noch ein Arzt helfen kann ist mehr as fraglich, ich würde sagen das AG Charlottenburg ist hier die bessere Hilfe: Löschung des Vereins im Vereinsregister. Dann hat die ViP einen Stimmungsmacher weniger in Potsdam ...

Anonym hat gesagt…

Gratulation zu dieser offenen Darstellung der Probleme in Potsdam. In der Tat kann man den Eindruck von "Wolkenkuckucksheimen" gewinnen, wenn man die Planungen für den Netzausbau sieht, die der DBV vorträgt. Bevor man diese teuren Schritte angeht, sollte man erkannte Mängel beheben, deren Lösung nicht gleich viele 10 Millionen Euro verschlingt.

Verkehr endet nicht an Stadtgrenzen, daher ist es notwendig, Land und Städte gemeinsam zu einem sinnvollen Konzept zu bringen. Der Konfrontationskurs, den besonders der Ex-GF des VIP gefahren ist, war da sicher nicht hilfreich. Hier wäre ein Ansatz für einen konstruktiven Neuanfang!

Anonym hat gesagt…

Zitat Benjamin Karl:
„Mir scheint, das eigentliche Konzept wurde nicht gelesen. Es werden in diesem konkrete Mängel benannt und Lösungsansätze vorgeschlagen. Alle im Konzept vorgeschlagenen Maßnahmen werden begründet.“

Auf den ersten fünf Seiten werden Bilder und Piktogramme gezeigt. Die auf der ersten Seite ergeben für mich keinen Sinn, hier fehlt jedwede Erklärung dazu. Das Bild mit der Linie 92 in Richtung Kirschallee ist als Motiv vielleicht geeignet, aber muss man sich hier fragen: „Was hat ein Highway aus den USA mit einer Straßenbahn am Rande der Stadt Potsdam zu tun?“. In Anlehnung an Walter Ulbricht: „Niemand hat die Absicht einen Highway zu errichten!“.

Das in einem T4-Wagen 120 Autos passen, wage ich doch mehr als zu bezweifeln. Der T4 ist als Einzelwagen viel zu klein und bestenfalls geeignet als Alibi-Bahn zu fahren. Siehe dazu derzeit die Linie 14 in Leipzig. Eine Linie die vom Aussterben bedroht ist.

Auch der Vergleich mit dem im Konzept unlesbaren Plan (Seite 8) aus Prag ist für mich nicht nachzuvollziehen. Was hat Potsdam mit Prag zu tun?

Den Plan auf Seite 9 lässt sich auf meinem Rechner gar nicht richtig ansehen, er ist nicht an die Seitengröße angepasst. Beim Ausdrucken sieht man die gleichen Undeutlichkeiten wie auf dem Monitor. Eine klasse Leistung.
Was die Verlängerungen nach Golm, Teltow und sonst wohin angeht, dazu wurde ja nun in den Medien ausführlichst berichtet. Die daran beteiligten Ortsteile und auch Teltow haben bereits der Straßenbahn eine mehr als klare Absage erteilt. Teltow hat sich, und das zu Recht, entschieden, den ÖPNV auf Berlin auszurichten. Dazu wurde ja auch das neue Bussystem in Teltow geschaffen, auch wenn dies noch nicht ausgereift ist.

Selbst wenn man diese Vorschläge umsetzen wollte, wer soll das bezahlen? Woher soll das Geld kommen um eine solchen massiven Ausbau bezahlen zu können?

Auf Seite 16 werden anscheinend skizzierte Fahrzeuggrößen dargestellt. Nun, dazu sei gesagt, dass Potsdam über den Combino Basic verfügt. Der Einsatz von kleinen Combinos, irrtümlich auch als Bambino bezeichnet, ist aber mit dem Basic nicht so ohne weiteres möglich. Wie Erfahrungen in Erfurt gezeigt haben, gibt es immer wieder große Probleme mit der Übertragung der Signale im Verband. Die kleinen Combinos sind vom Advanced. Von der Tatsache einmal abgesehen, dass SIEMENS diesen wohl gar nicht mehr herstellt. Die in Erfurt dieses Jahr anzuliefernden kleinen Combinos, entsprechen dem Berner Mobil und können nur als Traktionen alleine eingesetzt werden. Sie können nicht an die bestehenden Fahrzeuge angekuppelt werden.
Eine kleine Recherche hätte diese Informationen zu Tage gefördert!

Zitat Benjamin Karl:
„Zum Vortrag: zu den Folien gehört natürlich auch der Vortrag selber. Die Vortragsfolien haben allein die Funktion, das gesagte anschaulich für die Zuhörer zusammenzufassen.
Die Bilder des Vortrages sind entweder Freeware oder eigene Darstellungen der Gruppenmitglieder.“

Ein Vortrag gehört nicht als PDF-Datei unkommentiert ins Internet. Hier gehören ausführliche Erklärungen rein, wirtschaftliche Berechnungen usw.
Von den fehlenden Angaben zu den Bildern empfehle ich dem Autor sich dringend mit seinem Rechtsanwalt auseinander zu setzen und sich beraten zu lassen. Hier liegt mehr als einmal ein Verstoß gegen das Urheberrechtgesetz vor, wo auch die Kennzeichnungspflicht geregelt ist.

Zu dem anderen Kommentar möchte ich anmerken: Der ÖPNV in Potsdam und seinen „neuen“ Ortsteilen liegt am Boden. Er muss dringend komplett überarbeitet werden und dabei muss eine Lösung her, die länger als nur drei oder vier Jahre hält.
Sie haben völlig Recht mit der Aussage, dass der ÖPNV nicht an den Stadtgrenzen enden darf. Nur leider ist das so, dass an der Stadtgrenze die Zuständigkeiten wechseln.
Bei der Deutschen Bahn bzw. sonstigen Betreibern, ist das Land Brandenburg als Besteller zuständig. Das wiederum hat den, meiner Meinung nach, völlig unfähigen VBB beauftragt die Leistungen zu bestellen. Das Ergebnis sehen wir tagtäglich auf der Schiene …

Benjamin Karl hat gesagt…

Ich glaube, hier liegt ein Fehler in der Kommunikationskette vor:
Die Folien sind nicht das Konzept! Das eigentliche Konzept ist unter diesem Link zu finden: http://www.bahnkunden.de/_obj/6C77D198-2885-4519-8376-825656EDAC0F/outline/2011-03-09-dbv-tramkonzept-pm.pdf

Darin ist recht umfassend erläutert, was unser Anliegen ist. Es wird der Zustand aktuelle beschrieben, unser Anspruch an einen attraktiven Nahverkehr und aus beidem abgeleitet schlagen wir eine Reihe von Maßnahmen vor.

Den Inhalt des Konzeptes auf einen Vortrag mit 20 Minuten Redezeit herunterzubrechen, und zwar so, daß möglichst viel Inhalte transportiert werden können, war nicht einfach. Dazu kam, daß zum Vortrag auch Zuhörer geladen waren, die nicht unbedingt in der Materie stehen. So kam der Gedanke, ausschließlich mit Bildern und Grafiken zu arbeiten und daran die Kernforderungen unseres Maßnahmenkonzeptes festzumachen. Wer mehr Details will, der liest das vollständige Konzept.

Nochmals explizit der Hinweis: Die Vortragsfolien nutzen nur jenen, die den Vortrag auch gehört haben. und sind nur auf Wunsch derer online gestellt worden.

Benjamin Karl hat gesagt…

Ich danke Euch für die Kritiken.

Ich werde an den Folien etwas nacharbeiten und das dann neu ins Netz stellen lassen.

Ansonsten erneut der Hinweis: der Foliensatz ist nicht das eigentliche Konzept!

Gruß,

Benjamin

Anonym hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Karl,

ich habe beide Konzepte gelesen und mich gefragt, was der DBV eigentlich will. Das was Sie darstellen ist bestenfalls Utopoie, aber nicht mehr.

Es wäre ja schon Vorteilhaft, wenn der DBV einfach mal recherchieren würde. Wie schon geschrieben wurde: Sie können an einen Combino Basic keine dreiteiligen Combinos anhängen, in Erfurt wird man Ihnen sicher gerne erklären warum es so ist.

Eine Nachrüstung ist ebenso unmöglich, da dies den wirtschaftlichen Rahmen sprengen würde.

Wenn der DBV sich um das kümmern möchte wofür er da ist, dann sollte er sich mit den aktuellen Problemen im ÖPNV Potsdam befassen. Hier gibt es genug Baustellen die zu bearbeiten sind. Ob das nun der unsägliche Einsatz von KT4D-Solowagen ist oder die bevorstehende Sperrung Grunewald - Wannsee.

Wenn der DBV Golm besser anbinden möchte, dann erstellen Sie ein Buskonzept. Das ist billiger und wirksamer als eine Straßenbahn durchs Naturschutzgebiet.

Anonym hat gesagt…

Die Befassung mit dem Konzept des DBV, auch zum wiederholten Mal, kann nicht dazu führen, dass erkennbar wird, was da welche Priorisierung hat und was wieviel Aufwand bedeutet. Wenn man behindertengerechte Haltestellen mit Mobilitätsstationen, die eine Autovermietung enthalten sollen, in einen Topf wirft und diesen mit zahlreichen Neubaustrecken und Urlaubsbildern garniert, entsteht kein Eindruck von einem Konzept, sondern von Planlosigkeit.

Bevor man weitergeht und weitere Verkehrsträger mit Konzepten beglückt, denn das ist wohl die Idee des DBV, empfehle ich dringen, zunächst die eklatanten Mängel im ersten Versuch zu beheben. Ohne Struktur, Prioritätsliste und eine grobe Vorstellung von Umsetzungsmöglichkeiten bleibt es bei Traumschlössern, die man nicht ernsthaft erwägen kann, höchstens vielleicht die Straßenbahngläubigen Mitarbeiter des Potsdamer Magistrats können diese Mängel ignorieren.

Kommentar veröffentlichen