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| Seit Jahrzehnten verlässlich von Potsdam-West nach Babelsberg: Potsdams Linie "4" (heute 94) im Januar 1990. | (c) Bild: flickr/Felix O (CC BY-SA 2.0) |
Die Ost-West-Achse ist die älteste noch erhaltene Linienführung der Stadt. Eine „9“ als Zähler auf ihren Straßenbahnen sahen die Potsdamer zuletzt ab 1985. Die Straßenbahn- direktverbindung zwischen Babelsberg und dem Hauptbahnhof verschwand 1992 aus dem Fahrplan und dem Stadtbild. Fast 20 Jahre später gibt es beides wieder als Übereckverkehr. Die 99 verbindet seit 2006 Babelsberg und den Hauptbahnhof bzw. den Brauhausberg, in der „Rush Hour“ wird sogar bis nach Potsdam-Süd, zum Kirchsteigfeld gefahren.
Als kleines Irrlicht geistert die „9“ dabei durchs Netz: Zeitweise fährt sie nur zur Haltestelle „S-Hauptbahnhof/Heinrich-Mann-Allee“ (ex „Am Brauhausberg“), die euphemistisch als „S-Hauptbahnhof“ an den Zügen angezeigt wird. Vom „S-Hauptbahnhof“ jedoch weit entfernt und als Endhaltestelle eine der unbrauchbarsten Stationen überhaupt ist. Manchmal macht sie die lange Fahrt bis zum Kirchsteigfeld, meistens schafft sie es, so sie denn über den „S-Hauptbahnhof“ hinaus kommt, nur bis Bisamkiez. Bei Einbruch der Dunkelheit ist jedoch wieder am Brauhausberg Schluss. Am Wochenende fährt sie gar nicht, jedenfalls nicht vor 19 Uhr. Danach fährt die „99" zwischen Babelsberg und Brauhausberg. Seit dem Fahrplanwechsel Anfang April 2010 tut sie dies werktags auch nur noch bis 22.30 Uhr, am Wochenende bis etwa 00.30 Uhr. Eine klassische Angebotsverschlechterung.
Vorher hatte die 99 wenigstens den Vorteil, als Besenwagen um 01.15 Uhr auch noch jene Fahrgäste vom (echten) „S-Hauptbahnhof“ zur Innenstadt zu bringen, die mit dem letzten Regionalexpress oder der S-Bahn ankamen. Oder, die aus der Innenstadt nach Babelsberg wollten. In beiden Fällen waren dies keine Massen an Fahrgästen, aber durchaus genügend Kunden, um ein ÖPNV-Angebot zu rechtfertigen. Seit besagtem Fahrplanwechsel gibt es ab halb eins (wenn die letzten Züge der 91 und 92 abgefahren sind) zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt ein großes Nichts im Fahrplan. Dafür fahren die Züge der 99 ab 22.30 Uhr wieder bis Bisamkiez, kurz dahinter liegt nämlich der Betriebshof. Manche der aussetzenden Züge machen aber auch gleich am Brauhausberg Schluss bzw. am sog. „S-Hauptbahnhof“, der bekanntlich mit dem „S-Hauptbahnhof“ nicht viel zu tun hat; von wegen Euphemismus und so.
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| Ein verkorkstes Experiment unter vielen im Potsdamer ÖPNV: Die X91. Dieser Zug setzt übrigens aus - nach Bisamkiez | (c) Bild: flickr/kaffeeeinstein (CC BY-SA 2.0) |
Als Fahrgast ist man gut beraten, die umfangreichen Fußnoten im wenig übersichtlichen Fahrplanaushang der 99 zu beachten. Sie geben Aufschluss über die diversen Bedingungen, unter denen die Potsdamer Verkehrsbetriebe bereit sind, mit ihrer Linie 99 Verbindungen anzubieten. Um es auf den Punkt zu bringen: Die 99 ist ein Albtraum von einem Fahrplan! Das einzig Verlässliche an dieser Linie ist ihre Unberechenbarkeit.
Wenn, wie dieser Tage aufgrund von Bauarbeiten oder defekten Ampeln, die 99 nicht zum Brauhausberg fahren und dort wenden kann, wird sie gleich zum Platz der Einheit zurückgezogen. Die umsteigefreie Direktverbindung vom Hauptbahnhof durch die Burgstraße nach Babelsberg somit gestrichen. Ihre einzige Funktion ist dann noch die eines Shuttle-Verkehrs zwischen der Innenstadt und Babelsberg. Das ist nicht viel, das kann auch ein Bus bzw. das tut die 94 sowieso. Was also mit dieser Linie tun?
Eines gleich vorweg: Es geht nicht darum, die mit dieser Linie erbrachten Verkehrsleistungen einzusparen! Vielmehr muss es darum gehen, diese Kilometer sinnvoller und im Fahrgastinteresse einzusetzen. Sofern man nicht (im Rahmen einer größeren Fahrplanreform) an die Grundstruktur des Angebots heran will, bieten sich zwei Alternativen an. Beide Vorschläge brächten eine Aufwertung des Gesamtangebots automatisch mit sich.
Vorschlag 1: Die 99 verkehrt ganztägig zwischen Babelsberg und Bisamkiez in einem sauberen Fahrplan zwischen 6 und 1 Uhr, keine Fußnoten und keine betrieblichen Zwangpunkte mit zickigen Ampeln. Das HVZ-Überangebot zum Kirchsteigfeld wird genauso gestrichen, wie das Wenden am Brauhausberg. Der kundenfreundliche Fahrplaner wird sich zudem dafür entscheiden, die 99 mit den anderen tangierenden Linien je nach Tageszeit zu vertakten. In Babelsberg tagsüber also zu einem sauberen 10-Minuten-Takt mit der 94. Und im Abendverkehr, wenn die 94 nicht mehr verkehrt, zu einem sauberen 10-Minuten-Takt mit 91/92. Damit entstünde auch abends zwischen Bisamkiez und Platz der Einheit ein attraktiver Takt. Sofern Regionalzüge oder S-Bahnen (der nächste Winter kommt bestimmt) verspätet im Hauptbahnhof eintreffen, bestünde mit der 99 auch noch eine Rückfallebene, die wenigstens einige Wege retten kann.
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| Nachts fährt auch was, die Frage ist nur wann und wohin. | (c) Bild: flickr/Sebastian Rauer |
Vorschlag 2: Die 94 fährt an allen sieben Tagen von 5 bis 1 Uhr auf ihrem gesamten Linienweg, dabei zu den klassischen Geschäftsöffnungszeiten (Mo-Sa 6-20 Uhr) im sauberen 10-Minuten-Takt. Abgestimmt mit der 91, könnte somit Potsdam-West ein 5/5/10-Minuten-Takt am Tage und ein 10-Minuten-Takt in den Abendstunden angeboten werden. Die krummen Takte, die derzeit auf der Ost-West-Achse der Regelfall sind, müssen dringend beseitigt werden. Einfach merkbaren fahrgastfreundlichen Takten auf möglichst langen Streckenabschnitten sollte unbedingt Rechnung getragen werden. Die Linie 99 entfällt komplett, damit wäre Potsdams Liniennetz endlich auch ein kleines Stück übersichtlicher. Für den bisherigen Übereckverkehr der 99 stehen verschiedene Buslinien sowie die 93 zur Verfügung. Attraktive Übergänge würde auch eine kluge Fahrplanlage der der 94 zwischen 92 und 96 erzeugen. Durch einen abendlichen 10-Minuten-Takt in Potsdam-West könnten die Anschlüsse von der Buslinie 605 Richtung Innenstadt besser abgesichert werden, für den (seltenen) Fall eines Anschlussverlustes zwischen 91 und 605.
In ihrer jetzigen Form ist die 99 eine Vergeudung von Geld und Material. Weder ist die 99 sonderlich attraktiv, noch bringt sie irgendeinen erweiterten Fahrgastnutzen. Es ist an der Zeit das Experiment der 99, das noch aus der Zeit des ehemaligen Geschäftsführers Martin Weis stammt, endlich auszuwerten und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Man gönne der Linie einen anständigen Fahrplan, oder stelle sie ein. Zuletzt verschwand die „9“ übrigens Ende Mai 1990 von Potsdams Straßenbahnen, fünf Jahre nachdem man sie eingeführt hatte.



1 Kommentar:
Als ich den Beitrag las, wusste ich erst gar nicht was gemeint ist. Dann habe ich meine Mails gelesen und war ebenso erstaunt wie das Potsdamer Fenster.
Die Linie 99 ist eh eine Linie, deren Sinn sich einem nicht entschließt. Sie fährt von Babelsberg meistens ziemlich leer zum Platz der Einheit und dann über Alter Markt fast leer zum Hauptbahnhof. Wenn sie denn überhaupt dahin fährt, denn die Endstelle S Hauptbahnhof/Heinrich-Mann-Allee ist eh nur eine Verarschung.
Ab und zu fährt diese Linie weiter, entweder sie endet dann am Bisamkiez oder sie fährt zur Marie-Juchacz-Straße. Wenn sie letzteres tut, dann sitzen in ihr auch tatsächlich Fahrgäste drin, die allerdings meistens nur bis Robert-Baberske-Straße. Warum endet die Bahn nicht da? Weil es keine Wendeschleife mehr gibt, denn diese hat man sinniger Weise bei der Verlängerung in Kirchsteigfeld abgebaut.
Erinnern wir uns einmal an die Jahre 2000 bis 2006 zurück, was war da das Problem? Von der Tatsache einmal abgesehen, dass das gesamte Konzept nichts taugte, endete die damalige Linie X98 am Stern. Mit welchem Erfolg? Richtig, es fuhr keiner mit. Denn was nutzt eine Bahn, dazu noch eine Expressbahn, die genau am Rand der Besiedlung, in dem Falle nennt man sie Drewitz, endet? Nichts? Sie haben ja so Recht.
Die Bauarbeiten an der Straße „Am Brauhausberg“ sind natürlich ein idealer Grund die Linie 99 zu kürzen und so wieder einsparen zu können. Was spart man bei der ViP eigentlich ein? Wie wäre es mit dem Chef des Fahrplanes? Denn der hat mit Sicherheit keine Ahnung von Fahrgastfreundlichkeit und Sinn einer Linie.
Ein neues Verkehrskonzept? Dazu müssten erstmal in Potsdam der Finanzbeigeordnete und der Oberbürgermeister zurücktreten und ÖPNV-freundliche Nachfolger gefunden werden. Also keine Spinner die irgendwelchen alten Häusern hinterher trauern und meinen Potsdam 1944 auferstehen zu lassen.
Ach ja, wo bleibt eigentlich der Aufschrei des DBV? Hier sieht man doch sehr deutlich, dass die aktuellen Probleme den DBV überhaupt nicht interessieren. Hauptsache man bringt Träume in Form von Konzepten unter die Leute die fern jeglicher Realität sind.
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